Grenzen setzen: Wie streng darf Erziehung heute sein?

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Schimpfen muss manchmal sein.

Schimpfen muss manchmal sein.

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Wenn die Finger mal wieder im Schokoladenpudding landen, das Laufrad in den Teich fliegt oder das Bad unter Wasser steht, dann will man als Eltern eigentlich nur ausrasten und schimpfen: „Ab in dein Zimmer! Keine Widerrede! Ich bin der Boss! Fernsehverbot!“ Und sich eine saftige Strafe ausdenken. So kann es ja nicht weitergehen, ein bisschen mehr Zucht und Tadel schadet schließlich keinem. Vorbei die guten Vorsätze, dass man seinem Kind auf Augenhöhe begegnen und sich nicht provozieren lassen wollte.

Oma würde eine Backpfeife empfehlen

Wenn sich Donnerwetter und Geheule wieder gelegt haben, kommen die Zweifel und das schlechte Gewissen. Sollte man dem Kleinen nicht doch lieber in einem ruhigen Gespräch erklären, warum Mami böse ist? Laute Befehle, schlichter Gehorsam und Strafen klingen ja eher nach dem autoritären Erziehungsstil der eigenen Großmutter. Die würde sicher auch noch eine ordentliche Backpfeife empfehlen, denn so etwas habe kleinen Rotznasen schließlich noch nie geschadet.

Solche traditionellen Züchtigungsmethoden sind heute glücklicherweise bei den meisten Eltern tabu. Es ist sogar gesetzlich verboten, seine Kinder körperlich anzugehen. Und doch ergab eine repräsentative Umfrage des Forsa-Instituts aus dem Jahr 2012, dass vier von zehn Eltern ihre Kinder auch heute noch mindestens mit einem Klaps auf den Po bestrafen.

Viele fordern wieder mehr Autorität

Bild vergrößern Was heute verboten ist, war früher Maßstab: Wer nicht hört, kriegt eine gelangt.

Was heute verboten ist, war früher Maßstab: Wer nicht hört, kriegt eine gelangt.

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Überhaupt scheint der Ruf nach mehr Strenge und Gehorsam in der Erziehung im letzten Jahrzehnt wieder lauter geworden sein. 2006 machte das Buch „Lob der Disziplin“ von Bernhard Bueb Furore, der darin mehr Eltern-Autorität fordert. Kinder sollten, notfalls auch durch Befehle und Strafen, wieder mehr Disziplin und Ausdauer lernen. Das Buch verzeichnete hohe Verkaufszahlen.

Der Aufschrei war aber ebenso groß. Erziehungsexperten wie Micha Brumlik oder Jesper Juul kritisierten ein solches hierarchisches Konzept. Kinder würden emotional Schaden nehmen, wenn sie nur gehorchen müssten.

Aber auch die antiautoritären Erziehungskonzepte der Endsechziger sind heute kein Maßstab mehr. Kinder seien mit zu viel Freiraum überfordert, heißt es, sie könnten nicht eigenverantwortlich Regeln und Grenzen einschätzen.

Weder zu viel Lockerheit noch hierarchische Befehleklopperei sind also die Lösung. Einheitliche Erziehungskonzepte und moralische Regeln gibt es heute auch nicht mehr. Eltern können und müssen ihren eigenen Weg finden und selbst entscheiden, wie sie erziehen wollen. Doch wie streng darf Erziehung heute eigentlich sein?

Was heißt eigentlich „streng sein“?

„Erst einmal muss man klären, was mit ‚streng‘ überhaupt gemeint ist“, sagt Heidemarie Arnhold, Vorstandsvorsitzende des Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. (ANE). Früher habe der Begriff „Strenge“ bedeutet, dass Eltern von ihren Kindern Gehorsam erwarteten und Strafen ausführten. Die Basis ihrer Autorität sei Angst gewesen. „Heute könnte man den Ausdruck ‚streng sein‘ eher so definieren: Grenzen setzen und konsequent sein.“

Im Vordergrund stehe dabei immer die Würde des Kindes, sagt Pädagogin Arnhold. „Das Kind wird von Anfang an als vollwertiger Mensch gesehen und behandelt, es soll entscheidungs- und handlungsfähig werden.“ Eltern haben eine Fürsorgepflicht, was hier aber nicht heiße, dass sie patriarchalisch über das Kind herrschen. Das Verhältnis solle eher partnerschaftlich sein. Konkret bedeute das, ein Kind soll argumentieren lernen und auch schrittweise an den Entscheidungen in der Familie beteiligt werden.

  1. Wie streng darf Erziehung heute sein?
  2. Was tun, wenn doch einmal die Hand ausrutscht?