Berlin Art Week: Der Bär im Kristall-Laden

Von

Den sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen deutet die Rumänin Anca Munteanu-Rimnic (Galerie PSM, Berlin) um zum drastischen Gleichnis.

Den sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen deutet die Rumänin Anca Munteanu-Rimnic (Galerie PSM, Berlin) um zum drastischen Gleichnis.

Foto:

Markus Wächter

Was wurde nicht alles geredet und geschrieben über den zwiespältigen Kunstmarktplatz Berlin. Euphorisch, nörglerisch, auch kassandramäßig, da Berlin, die Stadt der zehntausend massenhaft produzierenden Künstler, schon aus Mangel an einer schwerreichen Sammlerschaft – nicht mithalten kann mit all den jungen, daher risikoreichen Offerten. Ergo fehlt es hier an Glanz und Verkaufsrekorden wie auf den Million-Dollar-Messen in Basel, Köln, Miami, Honkong, wo Werke der toten wie lebenden Superstars Millionen einspielen.

Nun also starteten am Donnerstag im Rahmen der Art Week mit deren schier unzähligen Ausstellungen die Partner-Messen „abc“ und „Positions“. 111 Galerien – zur Hälfte aus Berlin und zur anderen Hälfte aus der Welt – füllen bis Sonntag die „abc“- Hallen am Gleisdreieck, wo mehr als jemals zuvor Performances über eine fast wie eine gigantische Probebühne wirkende Vorhalle gehen. Zeitgleich präsentieren sich 52 Galerien aus Berlin und neun Ländern in der „Position“ im alten Kaufhaus Jandorf an der Brunnenstraße. Wir geben hier einen Eindruck vom ersten Rundgang auf beiden Messen, die erfrischend jung, frech, unverkrampft – und fantasievoll erscheinen.

ABC: Es scheppert und splittert. Doch der Krach muss von woandersher kommen. Denn dieser riesige, wie von der Decke gefallene und angerostete Kronleuchter sagt keinen Mucks mehr, liegt da, mitten in der Vorhalle am Gleisdreieck. Die bizarre Skulptur des Pragers Kristof Kintera, Künstler der Berliner Galerie Schleicher/Lange, lässt allerdings mehr schmunzeln, als dass sie verstört. Paradox, dass das abgestürzte Beleuchtungs-Monstrum verbeulte, aber noch brennende Schirme hat, die an die Peitschenlampen aus sozialistischer Zeit erinnern. So erwächst aus dem Zerstörungsprozess eine politische, ästhetische Geste.

Braunbär zerdeppert Bleikristall-Vasen

Der eingangs beschriebene Lärm kommt aus Messehalle B1. Da zerdeppert in einem Glaskäfig – es ist der Stand der Berliner Galerie PSM – ein Braunbär eine ganze Wochenproduktion von Bleikristall-Vasen. Die junge Rumänin Anca Munteanu-Rimnic ist für den Vandalenakt in den Pelz einer transsilvanischen Bestie geschlüpft. Sie will so eine denkwürdige Geschichte aus ihrer Karpatenheimat erzählen: Eine früher gut gehende Kristallgefäße-Fabrik musste die hochwertige Produktion einstellen. Hunderte Arbeiter verloren ihren Job. Da es in der schönen neuen Zeit aber wenigstens genug Bananen gibt, holen sich nunmehr die Karpaten-Bären im Leergut der städtischen Supermärkte die süßen Reste. Beide Situationen vermischt, entsteht nun eine gesellschaftskritische Metapher. Zu kaufen ist die Arbeit als Video und Fotografie.

Ein paar Schritte weiter riecht es süßlich schwer. Auf einer altarähnlichen Installation der Argentinierin Luciana Randolini (Galerie Miaumiau, Buenos Aires) liegen gammlige Bananen, Orangen, Äpfel. Ziemlich freakig, dieser Haufen von mit Kristallen (Strass?) überzogenen Früchten vor einem riesigen, feinlinigen Porträt. Nur hat die „Madonna“ darauf statt Nase, Augen, Mund nur Edelstein-Klunker im Gesicht. Welch bizarre Illusion von Luxus und Glamour, die im fauligen Obstmatsch vergeht.

Nicht geruchsfrei sind auch die titellosen schwarzen Leder-, Strick-, Erde- und Harz-Objekte der Polin Angelika Markul am Stand der Warschauer Leto Galerie. Die mysteriösen Gebilde lassen an Pferde-Geschirre, auch an archäologische Artefakt denken. Auf der „abc“ gibt es aus Prinzip keine Kojen, die Angebote sollen korrespondieren: Malerei mit Skulptur und Video, Fotografie mit Performances und Installationen. Konstruktivistisches trifft auf Surreales, Minimal Art auf harte, rotgetränkte Foto-Szenen von afrikanischen Hütten und Kindersoldaten (der Ire Richard Mosse bei Carlier/Gebauer, Berlin).

Hart arbeitende europäische Parlamentarier

Eine Schneise der Ironie zieht die österreichische Künstlergruppe G.R.A.M (Galerie König, Wien) durch die Messe: Auf Großfotos sind fürs Wohl und Wehe der Nationen hart arbeitende europäische Parlamentarier abgebildet: Aber alle sind auf ihren Sitzen eingepennt. (abc, Hallen am Gleisdreieck, Luckenwalder Str. 4-6, Fr/Sa 12–19/So 12–18 Uhr)

P0SITIONS: Kunstmessen sind variable Formate. Das zeigt die neu justierte „Positions“. Sie ersetzt die Preview, die unerwartet Ende 2013 ihre Büros schloss. Die Geschäfte waren nicht so gut gelaufen. Der neue Ort ist das alte Kaufhaus Jandorf. Was die Messe – mit junger und bereits etablierter Kunst – taugt, muss sich zeigen. Der Ort jedenfalls hat Charisma. Das einst schmucke, nun entkernte und morbide-charmante Gründerzeit-Eckhaus fungierte in der DDR als „Haus der Mode“. Im offenen Erdgeschoss kommt man auf dem Weg zu den Ausstellern vorbei am Café, den Ständen des Neuen Berliner Kunstvereins und kann sich in der Film-Lounge niederlassen.

Zu den 52 Galerie-Angeboten kommen Sammlerpositionen, die unter den Rubriken „collectors“ und „academy“ firmieren – die Sammlungen Haupt und @CvH16 Muráti-Laeber, sowie Kunsthochschulen aus Kiel, Frankfurt/M. und Weimar sind vertreten. Gleich am Anfang erwecken bei Art Felicia aus Liechtenstein die bunten, lebensgroßen Skulpturen von Anke Eilergerhard Neugier. „Kitchenplastik“, so heißen die wie aus Torten und Baisern übereinander gestapelten, gekippten Silikon-Knödelwesen.
#bigimage

Daneben nehmen sich bei der Berliner Galerie Dr. Julius die geometrischen Fotografien von Wolfgang Berndt, Stefan Ehrenhofer und Ray Malone nüchtern-elegant aus. Das Konkrete ist hier Programm. Dem Thema „Erinnerung“ und „Vergessenheit“ nimmt sich die maerzgalerie, Berlin/Leipzig, mit ihrem Künstler Steffen Junghans an, der seine Arbeitsweise in der Tradition der frühen Lichtbildner begreift. In einem als Negativ nachinszenierten Schwarz-Weiß-Bild, das die Frau des Kunstfälschers Beltracchi in der Rolle der Erblasserin einer nie existenten Sammlung zeigt, geht er der Frage nach, wieweit Fotografie Wirklichkeit abbilden kann und Erinnerung prägt.

Flügelaltäre aus gespendeten Skateboards

Derart sinnfällig arbeitet auch der zeichnende Theologe Ulrich Kochinke (Galerie Frühsorge, Berlin). Für einen guten Zweck zu kaufen sind seine Flügelaltäre, gebaut aus alten, von der Skater-Szene gespendeten Skateboards. Der Erlös geht an bedürftige Jugendliche – in Afghanistan.

Gleich ins Auge fallen die Papier-Arbeiten von Michael Schuster (mianki.Gallery Berlin). Schnappschuss-Motive, etwa eine Frau am Meeresstrand, collagierte er als Cut-outs aus Laubblättern, gepresst, getrocknet, auf die weiße Fläche in Intarsientechnik montiert. Das Herbstlaub der Platanen sei der Rohstoff, der ihm in Berlin direkt vor die Füße falle, sagt er. So wie an diesem Wochenende die Kunst samt all ihrer Paraphrasen.

Diese erste „Positions“ ist recht ansprechend, sie kann sich sehen lassen und zeigt das starke Potenzial vor allem der Berliner Galerien. Und etwas mehr Internationalität im nächsten Jahr würde ihr gut tun. (Positions, Kaufhaus Jandorf, Brunnenstr.19-21, Fr/Sa 13–20/So 11–18 Uhr)