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Sven Regeners Roman „Wiener Straße“: Klischeemäßig alles im Lack

Von Cornelia Geißler

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Zwischen Wurst-Discount und Café „besetzt“: Kreuzberger Lebensgefühl in den frühen 80er-Jahren.

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Henning Langenheim / akg-images

Manche Helden leben länger als andere. Frank Lehmann zum Beispiel. Als Melancholiker im West-Berlin unmittelbar vor dem Mauerfall wurde er durch einen Roman und dessen Verfilmung in diesem Jahrtausend bekannt wie ein Berliner Original. Sein Vorleben enthüllte sein Erfinder Sven Regener mit den folgenden Büchern „Neue Vahr Süd“ und „Der kleine Bruder“. Jetzt ist er wieder da.

Er befindet sich in der Kneipe von Erwin Kächele, dem „Einfall“, einem vertrauten Ort für Regener-Leser, und er putzt dort die Klos, wischt den Boden und leert die Aschenbecher aus. Viel Geld bekommt er dafür nicht, aber es ist ein Anfang für ihn in Berlin, zumal er in der Wohnung darüber ein Zimmer beziehen kann. Frank Lehmann wird noch Frank genannt, keinesfalls Frankie, und nicht, wie später angesichts des drohenden 30. Geburtstags, Herr Lehmann.

„Wiener Straße“ kann den Preis nicht mehr bekommen

Das neue Buch des Musikerschriftstellers heißt „Wiener Straße“ wie die Straße in Kreuzberg zwischen Görlitzer Bahnhof und Landwehrkanal. Wer ihren Namen eingibt in der Suchmaschine, wird jetzt nicht mehr nur zum Stadtplan geführt, sondern auch zur Webseite des Buchverlags. Man gelangt zu Radioeins, das demnächst eine Lesung mit Regener veranstaltet, beworben schon seit Wochen, ausverkauft seit Tagen.

Der geduldige Sucher wird noch zum Deutschen Buchpreis geführt, auf dessen zwanzigtiteliger Longlist der Roman steht, was die größte Überraschung im Preiswesen dieses Jahres war. Denn Regener ist zwar ein Liebling der Leser, weil er so unterhaltsam schreibt, und ein Liebling der Journalisten, weil er so pointenreiche Interviews gibt, aber dass er es nach dem Rundumerfolg mit „Herrn Lehmann“ aus dem Jahr 2001 noch einmal zum Kritikerliebling schafft, das war nicht absehbar. Inzwischen hat sich allerdings die Kandidatenliste verkleinert und „Wiener Straße“ kann den Preis nicht mehr bekommen.

Artschlag und die ArschArt-Galerie

Aber immer noch die Liebe der Leser: Sven Regener schreibt über Berlin so, dass es den Zugezogenen genauso gefällt wie den Einheimischen, weil das ganze Großstadtgetue mit drin ist, bis zur Kenntlichkeit karikiert. Obwohl Regener eigentlich über ein historisches Berlin schreibt, eines, das als Biotop existierte, als Stadt, von der aus in jeglicher Himmelsrichtung Osten war.

Bild vergrößern Kreuzberg-Chronist: Sven Regener.

Kreuzberg-Chronist: Sven Regener.

Foto:

Arno Burgi/dpa

Der Roman spielt innerhalb weniger Tage im November 1980 unmittelbar nach „Der kleine Bruder“, dem 2008 erschienenen Buch. Die Handlungsorte sind dicht rund um die Wiener Straße begrenzt. Es gibt den Baumarkt an der Hasenheide, wo der Aktionskünstler H. R. Ledigt eingangs mit viel Radau eine Kettensäge erwirbt. Es droht neben dem „Einfall“ noch eine weitere Kneipe zu entstehen, dort, wo gerade noch ein Intimfriseur seine Kunden bediente. Es gibt erfundene Orte – die echte jener Zeit verulken – wie das neue Kunsthaus Artschlag und die ArschArt-Galerie. Wiedererkennungszeichen setzt Regener etwa auch mit dem Arbeitsbekleidungsladen John Glet am Mehringdamm oder dem Restaurant „Max und Moritz“.

„Ich bin nicht mehr derselbe“

Ein Kind kündigt sich an, aber vielmehr geht es um Künstler und Kneipen in diesem Roman, um den Kreuzberger Kern. Es passiert wenig, das aber effektvoll in kurzen, mosaikartig aufgebrochenen und wieder zusammengesetzten Episoden, belebt durch schnelle Dialoge. Wer hier aufeinandertrifft, arbeitet sich mit Worten aneinander ab, dass es ein Spaß ist. Chrissie, die aus Westdeutschland gekommene Nichte des Kneipiers Erwin, will einen Job hinter der Theke haben, doch ihr Onkel hätte sie bloß putzen lassen. „Pah! Putzen. Voll das Klischee. Weil ich eine Frau bin.“ Man hört sie beim Lesen die Wörter ausspucken wie alten Kaugummi. „Wenn du nicht putzen willst, weil du eine Frau bist“, sagt Erwin, „dann könntest du ja putzen, obwohl du eine Frau bist. Dann wäre klischeemäßig wieder alles im Lack, so sieht’s doch mal aus.“

Klischees sind wichtig im Kreuzberg jener Zeit. Das Fernsehen sucht Punks und Hausbesetzer. Der Kurator des neuen Kunsthaus sieht sich bei seiner Suche nach Ausstellern aus der Umgebung als Sozialarbeiter. Vor allem Sprüche klopfen können die meisten Figuren im Roman, das ist die große Kunst Sven Regeners. Sie übertreiben, sie provozieren, sie sind schlagfertig. Sogar ohne es auszusprechen. Als H.R. nach dem Treppensteigen verschnauft, setzt der Autor in Klammern: „flache Atmung, dachte er, flach die Atmung, tief der Gedanke, das sollte man sich merken“. Oder Erwin beobachtet fassungslos einen Streit: „ich bin nicht mehr derselbe, dachte er, aber ich bin es vielleicht auch nie gewesen“.

„Einjeschränktet Halteverbot“

Die meisten Berliner kommen nicht aus Berlin wie der Ex-Bremer Sven Regner, deshalb kommt sein Erwin aus Schwaben, H.R. aus Köln und fast die ganze Künstlerdarstellergruppe um P. Immel aus Österreich. Deshalb sind die Dialoge zwar immer witzig, aber selten Berlinerisch. Marko aus dem Osten, der beherrscht den Dialekt, und der Autor versteht ihn zu verschriftlichen mit Wendungen wie: „weeßick oné jetze“ (auf Hochdeutsch: das weiß ich jetzt auch nicht). Auch die Monteure, die sich an der Kaffeemaschine des „Einfall“ versuchen, können so reden: „Ha ick zum letztn Ma inne Fuffzjer jesehn“, sagt einer und setzt nach: „Gloobick jehnfalls.“

Das ist schon schön, am schönsten aber liest sich, wie H. R. den neuen Kiezpolizisten in puncto Berlinerisch belehrt, der ein „einjeschränktes Halteverbot“ anmahnt. H.R. korrigiert es „wegen der vergurkten zweiten indogermanischen Lautverschiebung“ als „einjeschränktet Halteverbot“, mit t hinten. Und so quatscht er ihn vom Strafzettel weg. Auch manches Kunstwerk verschwindet schneller als geahnt. Aber Herr Lehmann wird bleiben, dafür hat Sven Regener mit diesem Buch noch einmal gesorgt.