Radikale Islamisten in Berlin: Berlin entwickelt sich zur Hochburg des Salafismus

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Mai 2012: Salafisten protestieren auf dem Potsdamer Platz in Berlin gegen eine Kundgebung der rechstpopulistischen Partei Pro Deutschland, die Mohammed-Karrikaturen zeigen.

Mai 2012: Salafisten protestieren auf dem Potsdamer Platz in Berlin gegen eine Kundgebung der rechstpopulistischen Partei Pro Deutschland, die Mohammed-Karrikaturen zeigen.

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Neulich in der Berliner S-Bahn: Zwei junge Männer mit schütterem Vollbart verfolgen ein Smartphone-Video, das eine Massenerschießung von Gefangenen durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zeigt. Fasziniert starren sie aufs Display. Man sollte meinen, die Verbrechen des IS schreckten ab. Doch auf manche Deutsche haben sie große Anziehungskraft.

Besorgt verfolgen die Sicherheitsbehörden, wie sich Berlin zur Hochburg des Salafismus entwickelt, einer besonders radikalen und schnell wachsenden Strömung des Islam. Der Berliner Verfassungsschutz musste jetzt seine Zahlen aus dem letzten Jahresbericht nach oben korrigieren: Rund 550 von bundesweit 6000 Salafisten leben in Berlin – Tendenz steigend. Sie haben inzwischen gut organisierte Netzwerke gebildet.

Berliner Rapper in Syrien

Etwa 60 Berliner sind laut Verfassungsschutz nach Syrien ausgereist und wollen den Dschihad logistisch unterstützen oder selbst kämpfen. Wie viele dieser Leute sich dem IS angeschlossen haben, wissen die Behörden nicht. Sie kennen nur Einzelne wie den 39-jährigen Denis Mamadou Gerhard Cuspert, über den der Verfassungsschutz in der vergangenen Woche eine 25 Seiten lange Analyse veröffentlicht hat. Cuspert, der vom BKA gesucht wird und als Musterbeispiel für schnelle Radikalisierung gilt, wuchs in Kreuzberg und Wedding auf. Als „Deso Dogg“ erlangte er einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Rapperszene. 2010 schloss er sich dem Salafismus an und verteufelt nun Musik.

Ein Video mit ihm, das per Internet verbreitet wird, setzt ihn mit einer Verwundung in Szene, die er angeblich in Syrien erlitten hat. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist kaum nachprüfbar. Im April bekundete Cuspert erstmals seine Zugehörigkeit zum IS. Seitdem nimmt er offenbar an den Massenmorden teil. In einem Video, das vor ein paar Wochen erschien, prügelt er auf den Kopf eines Toten ein.

Heraus aus der Deckung

Nach Ansicht des Verfassungsschutzes birgt Cusperts Propaganda ein „erhebliches Mobilisierungsmoment“ für radikalisierte Personen in Deutschland. „Für die Berliner salafistische Szene gewinnt der IS zunehmend an Attraktivität“, sagt Isabelle Kalbitzer, Sprecherin des Verfassungsschutzes. „Immer öfter solidarisieren sich Angehörige des Berliner salafistischen Spektrums mit dem IS und erklären öffentlich ihre Sympathie mit den Handlungen und Zielen des IS.“

Die Sympathisanten betreiben in Berlin inzwischen eine Facebook-Gruppe und zeigen sich auch öffentlich. Als im August in Neukölln Kurden gegen den IS-Terror demonstrierten, gab es Tumult, als fünf Islamisten eine IS-Fahne entrollten. Die Polizei kam in die unangenehme Lage, radikale Islamisten vor Gewalttätern schützen zu müssen. Ein Beamter zog seine Pistole, um die Angreifer in „entschlossener Sicherungshaltung“ fernzuhalten, wie es im Polizeideutsch heißt.

Nicht nur IS-Sympathisanten trauen sich aus der Deckung. So veranstaltete der zum Islam konvertierte frühere Linksterrorist Bernhard Falk, der den IS nicht mag, dafür aber Al-Kaida bewirbt, zwei Demonstrationen am Brandenburger Tor. Er und ein paar Berliner Getreue forderten die Freilassung deutscher Terrorverdächtiger, unter ihnen Sven Lau, der derweil wieder frei ist und am Wochenende in Wuppertal eine „Scharia-Polizei“ organisierte.

Drohungen per SMS

In Charlottenburg vertreibt der radikale Islamist Reda Seyam, der bei Gericht durchsetzte, dass er seinen Sohn „Jihad“ nennen darf, seine Propaganda. Seyam soll auch im syrischen Bürgerkrieg aktiv sein. Und in Spandau belästigt ein Islamist, der sich Abu Tarbush nennt, Handybesitzer mit SMS. Er geht das Telefonbuch durch und verschickt die Drohung: „Entweder du konvertierst zum Islam, oder du wirst zu den Insassen der Hölle gehören.“

Wegen der engen Salafisten-Netzwerke ist Berlin auch strategisch ein guter Ort für europäische Dschihadisten. „Rückkehrer aus dem bewaffneten Dschihad können hier leichter untertauchen und weiterreisen als nach einer Landung in München oder Frankfurt“, sagt ein Ermittler der Bundespolizei. So nahmen seine Leute im Juni am Flughafen Tegel einen Franzosen fest. Der 31-jährige Mohamed B. kam aus Istanbul und wollte mit dem Auto weiterreisen. Der IS-Terrorist war in Syrien verwundet worden und wollte sich daheim auskurieren. Den Beamten war er wegen seines strengen Körpergeruchs und seiner schlecht versorgten Schussverletzungen an den Beinen aufgefallen.