Ausstellung „Berlinzulage“: Mit Subventionen durch die 1980er-Jahre

Von Gunnar Lützow

West-Berlin in den 1980er Jahren

West-Berlin in den 1980er Jahren (Oranienstrasse), 1987.

Foto:

Michael Hughes

Die Begegnung mit den Resten des widerständigen West-Berlin war für Christoph Tannert traumatisch: Als die Linksaktivisten der Gruppe „Yorck59“ im Juni 2005 ihr Domizil verloren, besetzten sie den leerstehenden Südflügel des von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1970 als Krankenhaus genutzten Bethanien am Kreuzberger Mariannenplatz.

Das war in gewisser Weise ein Re-Enactment der spektakulären Besetzung eines anderen Teiles des Gebäudes im Jahr 1971, die nicht nur in der Etablierung des Jugendzentrums „Georg-von-Rauch-Haus“ mündete, sondern 1973 auch zur Nutzung des restlichen Bethanien als Künstlerhaus führte, dessen Projektleiter und inzwischen auch Geschäftsführer Tannert seit 1991 ist.

Überraschend und Persönlich

Durch den autonomen Zugriff auf den Südflügel vor 13 Jahren und die sich daran anschließende Diskussion über das gesamte Haus sah sich das „Künstlerhaus Bethanien“ aus Angst vor einem Imageschaden damals allerdings zur Übersiedlung in einen Gewerbehof in der Kohlfurter Straße gezwungen, der auch über Ausstellungsräume am Kottbusser Damm verfügt. Und noch heute hält Tannert die ehemalige „Yorck 56“ für eine Gruppe von „Dogmatikern“ und „Stalinisten“.

Am Kottbusser Damm ist mit „Berlinzulage – West-Berlin / Kunst / 80er-Jahre“ nun eine sehenswerte und angesichts der persönlichen Involviertheit auch überraschende Ausstellung zu entdecken, die Christoph Tannert in Zusammenarbeit mit dem unter dem Label „Urban Art“ agierenden Künstlerduo Anne Peschken und Marek Pisarsky entwickelt hat. Auf die Komplexität des Projekts, das von einem über 500-seitigen Katalog komplettiert wird, verweist schon die im Foyer hängende großformatige Arbeit von Eva-Maria Schön. 

Bild vergrößern Parade der Alliierten vorm Aschinger-Haus am Zoo

MIchael Hughes: Parade der Alliierten vorm Aschinger-Haus am Zoo, 1985.

Foto:

Michael Hughes

Mit Tusche und Acryl hat sie 2009 auf mehr als acht Quadratmetern Nessel und Papier eine eigene „Mental Map“ der Halbstadt-Insel erstellt: In hoch verdichteter Darstellung sind in einer heiter bewegten Schrift zahlreiche relevante Personen, Orte und Institutionen jener Jahre notiert, die sich dort in einem poetischen Schwebezustand begegnen: Philosophen wie Jacques Derrida, Michel Foucault und Gilles Deleuze ebenso wie der Szeneclub „Dschungel“.

Mit John Cage oder Morton Feldmann werden Protagonisten der musikalischen Avantgarde genannt, aber gleich daneben die sympathisch-krasse Friedensaktivistin Helga Goetze. In dieser hierarchiefreien Ballung, die den Diskurs auf den Dancefloor bringt und intellektuelle Insider neben „Outsider Artists“ stellt, zeigt sich die Einzigartigkeit einer Ära, die „geniale Dilletanten“ (sic!) wie inzwischen legendäre Gruppe „Die Tödliche Doris“ feierte. 

Ein Geist, der meist verneint

Die in der Ausstellung auf zwei Etagen vorgestellten Ansätze könnten in ihren Ausformungen kaum unterschiedlicher sein: Da sind Experimente mit neueren Medien wie Super 8, Video und Underground-Film, Performance und Installation, während andere Künstler bei Zeichnung, Malerei, Fotografie, Collage, Assemblage und Skulptur blieben.

Fast allen Ansätzen eigen ist jedoch ein Geist, der meist verneint: Zum Beispiel in Gestalt eines „Ladens für Nichts“, der von 1987 bis 1991 von Kitty und Uli Fischer in einem ehemaligen Laden unterhalb ihrer Wohnung in der Skalitzer Straße betrieben wurde. In diesem hellen Raum, der keine kommerzielle Galerie war, wurden Dinge gezeigt, die außerhalb der direkten Verwertungslogik existierten: Ein Katzenkratzbaum aus Edelstahl oder zwei Containerladungen tönender Glasscherben.

Die Widerspenstigkeit der Künstler äußerte sich auch in Form einer schonungslosen Subjektivität, die sich weitab üblicher Kunstmarkt-Strategie bewegt: Diese kann sich ebenso im derben Humor der „endart“-Künstler manifestieren wie in einer subtilen Arbeit Axel Liebers, der mit Filzstift eine Weltkarte so übermalt, dass die Sternenkarte seines „Private Universe“ sichtbar wird. Underground-Ikone Tabea Blumenschein erzählt in einem Comic die Geschichte des „Bartfräuleins Florette“, während Künstler und Musiker Frieder Butzmann eine Arbeit namens „Arrbeit“ aus Fotos, Teer und Absperrstreifen auf getackerten Kartonstreifen herstellt.

Mit Subvention in Berlin

Möglich wurde die Blüte eigenwilliger Kunst im Windschatten der Mauer allerdings nicht nur durch die titelgebenden Subvention (eine steuerfreie Gehaltszulage von acht Prozent), mit denen die Politik das Leben in West-Berlin in Gang halten wollte. Der Mut zur Verweigerung und die in der Ausstellung dokumentierte Aneignung des öffentlichen Raums wären kaum denkbar ohne die Hausbesetzerbewegung, deren Heftigkeit sowohl in den Fotos von Michael Hughes als auch in dem mit einem Soundtrack der „Notorischen Reflexe“ unterlegten Video „Schlacht am Nolli“ dokumentiert wird.

Auch mit einem Zitat Olaf Metzels zu seiner Arbeit „Böckhstr 7, 3.OG“ hätten weder historische noch heutige Hausbesetzer ein Problem: „Nur an ihrem eigenen Profit interessierte Immobilieninvestoren lassen das Gebäude gezielt verfallen – anstatt etwa erschwinglichen Wohnraum zu schaffen – um es dann gewinnbringend verkaufen zu können.“

„Imageschaden“ am Mariannenplatz blieb aus

Nach aktuell nutzbaren Denkanstößen aus der in der Ausstellung dokumentierten Zeit befragt, klingt angesichts in Kreuzberg fortschreitenden Gentrifizierung auch Christoph Tannert beinahe kämpferisch: „Lange bevor von ’Zwischennutzungen’ die Rede war, haben diese KünstlerInnen im eingemauerten Berlin über ’Lebensräume’ reflektiert und die Stadt gegen jegliche kommerzielle Verwertungsabsichten erkundet, den gelebten Raum verteidigt und neue Freiräume erobert. Wir müssen heute neu trainieren, wirklicher zu werden, natürlicher, un-betonierter, raumgreifender und nicht nur ängstlich unseren Körper betasten, sondern die Stadt als unseren Leib begreifen.“

Der von ihm befürchtete „Imageschaden“ ist am Mariannenplatz übrigens ausgeblieben: Zwar bitten im Südflügel inzwischen auch selbst ernannte „Schamaninnen“ zum „Göttinnen-Retreat“ – aber im „Kunstraum Kreuzberg/Bethanien“ wird weiterhin zeitgenössische Kunst auf Weltniveau gezeigt. Dass in diesem Rahmen wie zuletzt bei der Ausstellung „An Atlas of Commoning – Orte des Gemeinschaffens“ der Dialog ästhetischer, sozialer und politischer Praxen verhandelt wird, passt angesichts der jüngeren Historie des Orts nur zu gut.

Berlinzulage – West-Berlin / Kunst / 80er-Jahre, bis 16.9., Di-So, 14-19 Uhr, Künstlerhaus Bethanien Kottbusser Str. 10