Euro 2024: Die Türkei kämpft gegen die Schande

Von Tobias Schächter

Türkei

Wünschen sich eine Europameisterschaft im Heimatland: Caglar Söyüncü (l.) und Hakan Calhanoglu

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AFP

Emre Akbaba bescherte dem türkischen Fußball wieder positive Schlagzeilen. Die Türken gewannen Montagnacht in Stockholm durch zwei späte Tore des Offensivspielers von Galatasaray Istanbul das Nations-League-Spiel gegen Schweden nach 0:2 noch 3:2. Nach dem 1:2 zum Auftakt  gegen Russland besitzt die Mannschaft  also weiter Hoffnung in ihrer Gruppe. Ob sich die Türken für die EM 2020 qualifizieren, steht aber erst im Spätherbst 2019 fest – doch schon am 27. September weiß die Welt, ob die Türkei oder Deutschland die EM 2024 ausrichten. Dann entscheidet das Uefa-Exekutivkomitee, welches Land den Zuschlag bekommt.

In der Endphase der Bewerbung versuchen beide, negative Schlagzeilen zu vermeiden. Doch das gelingt weder den Deutschen noch den Türken. Zum ersten Mal seit über acht Jahren fand letzten Freitag wieder ein Länderspiel in Trabzon statt. Das war für den Türkischen Fußball Verband (TFF) heikel. Der Verein Trabzonspor liegt mit dem Verband seit dem großen Manipulationsskandal von 2011 im Streit. Damals erkaufte sich Fenerbahce Istanbul den Meistertitel, unter anderen  wurde Präsident Aziz Yildirim  zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt.

Zwei Jahre gesperrt

Während die Uefa Fenerbahce zwei Jahre  sperrte, erkannte der TFF Fener den Titel bis heute nicht zugunsten des damaligen Zweiten Trabzonspor ab. Später wurde der Prozess gegen die Verurteilten aufgrund von Gesetzesänderungen neu aufgerollt, Yildirim und andere Funktionäre freigesprochen. Doch Trabzonspor klagt bis heute vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas unter anderem gegen den TFF, Aktivisten kämpfen „für Gerechtigkeit und gegen die Korruption im Verband“.

Beim Länderspiel gegen Russland entrollten sie ein Transparent, auf dem in Englisch zu lesen stand: „Share Together: „Shame Forever“ – Match Fixing is supported by Turkish Football Federation.“ Aus dem offiziellen Claim der türkischen EM-Bewerbung „Gemeinsam teilen“ machten die Aktivisten „Schande für immer“ und ergänzten: „Manipulation wird vom Türkischen Fußball-Verband unterstützt.“ Einige Aktivisten wurden vorübergehend festgenommen, ihnen drohen Stadionverbote.

Lira in der Krise

Die Erfolgsaussichten der türkischen Bewerbung werden  vor allem durch die Währungskrise im Land getrübt. Die Lira hat seit Jahresbeginn rund vierzig Prozent an Wert gegenüber dem Dollar verloren. Das stürzt die notorisch verschuldeten türkischen Fußballklubs in existenzielle Nöte, weil die ihre Spieler sowie Kredite bei Banken vor allem in Euro und Dollar bezahlen müssen. Experten prognostizieren keine schnelle Verbesserung, eher eine Verschärfung. Ob die Uefa ihre größte Geldvermehrungsmaschine EM an ein Land in einer existenziellen Wirtschaftskrise vergibt, ist eine spannende Frage.

Die EM 2016 brachte dem Verband einen Gewinn von 800 Millionen Euro. Um die Bilanzen zu maximieren, fordert die Uefa vom Staat des ausrichtenden Landes Garantien, unter anderem Steuerfreiheit. TFF-Boss Yildirim Demirören wurde so zitiert: Die Türkei verspreche „eine noch nie da gewesene Unterstützung, alle Garantien wurden ohne jeden Vorbehalt gegeben, inklusive einiger zusätzlicher Garantien, die den wirtschaftlichen Erfolg des Turniers absichern“. Welche „zusätzlichen Garantien“ das sind, ist bislang nicht bekannt.

Starker Wille des Präsidenten

DFB-Boss Reinhard Grindel erklärte in diesem Zusammenhang auf der Sportbusinessmesse SpoBis im Februar: „Bei allen Staatsgarantien, die die Uefa verlangt, ist mein Eindruck so, dass Herr Erdogan auch im großen Stil geneigt ist, diese zu unterstützen.“

Die Türkei glaubt, einfach mal dran zu sein mit der Ausrichtung eines großen Turnieres, mehr als zwei Dutzend neue Stadien wurden in den letzten Jahren gebaut. Auch der Rücktritt Mesut Özils  spricht aus türkischer Sicht nicht für eine EM-Vergabe nach Deutschland.

Doch angesichts des Verfalls der Lira setzt die Türkei auf harte Faktoren. Jüngst verschickte der TFF ein 74 Seiten dickes Hochglanzmagazin zur Bewerbung an europäische Medienvertreter. In dem ist neben einem großen Bild von Erdogan zu lesen: „Unser Präsident zeigt seinen starken Willen, die türkische EM-Bewerbung zu erleichtern und unterstützt unsere Kandidatur auf ganzer Linie.“ Angesichts der Krise im Land wäre eine erfolgreiche EM-Kampagne ein großer Befreiungsschlag für Erdogan. Die zwei späten Tore gegen  Schweden wären dagegen nur eine Marginalie.